Yes, we gospel!

Dezember 15, 2009

Gedanken zum Weihnachtskonzert mit Iris Trevisan in Lauffen


Kommt der Advent, aktivieren alle Jahre wieder die Gospelchöre ihr Repertoire: „Freedom is coming oh yes I know. Jesus is coming, oh yes I know“ (Freiheit wird kommen, ja, gewiss, Jesus wird kommen…) schmettern sie und ziehen in Kirchen ein, wie einst das Gottesvolk ins Land der Verheißung. Mit Inbrunst bei der vokalen Mobilmachung ist auch der Lauffener Gospelchor Just4you (wenn die nicht irgendwas mit Celebration heißen, dann die bescheidenere Namensvariante irgendwas mit 4 U). Gospels, Spirituals und Popsongs stehen auf dem Programm des Weihnachtskonzerts.

Frieden und Freiheit wollen erobert sein. „Joshua fought the battle of Jericho“. Den Kampf um Jericho muss der gemischte Chor nicht allein ausfechten, unterstützt wird er von der Rockröhre Iris Trevisan. Eine Stimme, die Öl ins Feuer der Begeisterung kippt und als Vorsängerin den Chor zu Bestform antreibt. „From a distance there is harmony, and it echoes through the land”. Wir hören mit Freude Bette Midlers Botschaft von der fernen Harmonie die durchs Land schallt und fragen, ist das Jericho von einst das Afghanistan von heute? Hat Präsident Obama, der ja auch zur globalen Gospelgemeinde gehört, auf Empfang gestellt? Wie viel ferne Harmonie darf ein Friedensnobelpreisträger überhaupt an sich ran lassen?

Die göttlich erhabene Ferne kontrastiert im Fall der Trevisan mit den teuflischen Details ihres hinten geschlitzten Cocktail-Kleids, den hochhackigen, offenen Pumps und ihren lilaschwarz lackierten Nägeln. Begleitet an den Tasten von Claus Wengenmayr swingt und skattet, gurrt und krächzt sie, holt alles aus sich raus, als wären Gospel, Jazz und Blues „At the Cross“ erfunden worden und mehr als eine Sünde wert. „Oh when the Saints“ sich nicht im Grabe drehen, sondern im Marschrhythmus losziehen, dann sieht das Fußvolk alt aus: Schmutzige Hände, Schweißfüße und Mundgeruch. „Wash my sins away“ ist nicht nur im geistlichen Kontext eine beliebte Formel, auch Seife, Erfrischungstuch und Mundspray nennen sich so.

Einfache Texte in Endlosschleifen seit Jahrhunderten erinnern eher an Gehirnwäsche, als an Sündenwäsche. Offenbar ist sind die Heiligen selbst noch auf der Suche nach dem richtigen Waschgang. Halleluja, salvation and glory, wer rettet uns vor den weißen Riesen, wer erlöst uns vor den Lösungsmitteln? Obama-Optimismus mischt sich mit dem Christmas Blues von Dean Martin. Die Message kommt rüber: Yes, we can gospel! Warum deutsche Weihnachtslieder, wenn’s auch US-Englisch geht? „Wie im Himmel“ mischen sich im „Gabriella-Song“ ein paar schwedische Wortfetzen in die vorweihnachtlichen Träume von der „White X-mas“.

Je mehr es sich der Chor in der „Silence Night“ gemütlich macht, desto unsicherer werden Einsätze und Intonation, kippt passable Sangeskunst in Kitsch triefende Weihnachtsfolklore. Zu guter Letzt erjubelt sich das Publikum eine Zugabe „Oh happy day“, Ende gut, alles gut?

Django Asül mit „Fragil“ zu Gast im Audi Forum


„Wie viele Investmentbanker braucht es, um eine Glühbirne auszutauschen?“ fragt Django Asül und liefert umgehend die Antwort: „Zwei. Einen um sie rauszuschrauben, und einen, der sie verkauft, bevor sie runter fällt“. Der deutsch-türkische Kabarettist weiß wovon er spricht. Dem Abitur folgt eine Ausbildung als Bankkaufmann und Tennislehrer, doch dann macht er sich, offenbar vorausschauend, schleunigst vom Finanzacker. Nun steht das lustige Lästermaul auf der Bühne und teilt aus. Gleich an zwei Abenden ist Django Asül im Audi-Forum und das Publikum von seiner verbalen Schlagkraft hellauf begeistert.

Wahldebakel, auf Bundesebene wie im Freistaat Bayern, wo Asül geboren und aufgewachsen ist, bieten Stoff ohne Ende. Im Süden Seehofer als bayrischer Obama, Hohlmeier, die hält, was ihr Name verspricht und Franz Maget (SPD mit 19 Prozent auf dem Niveau der Mehrwertsteuer angekommen), der mit Aussagen wie „Ich übernehme die Verantwortung“ belegt, dass er wohl unter kognitiver Dissonanz leidet. In Berlin Tauziehen zwischen Angela und Guido nach dem Motto „Wenn ich die Steuersenkung nicht bekomme torpediere ich die Gesundheitsreform“. Die Diagnose: fiskale Bulämie, immer mehr kassieren, dabei gleichzeitig immer mehr verpulvern.

Schattenhaushalt und die Kabinettsbildung mit Platzpatronen à la Jung und Guttenberg, dem Wunschkandidaten der Taliban, sind ebenso willkommene Themen wie die Arbeitslosenstatistik, der Wellness-Wahn und der Globalisierungsoptimismus. Komödiant und Satiriker zugleich versucht er die fragile Gesamtlage mit seiner fragilen Grundstimmung in Einklang zu bringen. Mal schlüpft er in die Rolle eines niederbayrischen Fußballtrainers, mal grummelt er wie ein gewitzter türkischer Rentner, um das weite Feld zwischen Migration im Hintergrund und Frustration im Vordergrund zu beackern. Fazit: die Integration klappt auf dem Land, weil sie dort nicht von Experten vorangetrieben wird.

„Brauchen wir eigentlich noch Politik?“, fragt der scharfzüngige Analytiker und konstatiert mit Blick auf die bewegungslosen Akteure in der Politarena eine akute Thrombosegefahr. Schade wär’s allerdings um die Steilvorlagen für Politkabarettisten. Persönlich bilanziert er emotionale Insolvenz. Die nimmt man ihm kaum ab, denn in den Augen funkelt die anarchische Lust an Aberwitz und Drastik: Die Demokratie sei den Deutschen wohl so unangenehm wie dem Orang-Utan ein Genital-Piercing vermutet er.

Angst vor Sex und Deutsch

Dezember 7, 2009

Poetikdozentur präsentiert amerikanische Gegenwartsliteratur. Lesung in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall.


„Two hard acts to follow“ (schwer zu überbieten) kommentiert Jonathan Franzen (1959) verschmitzt den Auftritt seines Vorgängers. Gar so hoch hatte Kollege Adam Haslett (1970) die Messlatte mit Ausschnitten seines ersten Romans „Union Atlantic“ allerdings nicht gelegt. Vier Tage zu Gast in Tübingen, beenden die beiden Schriftsteller den amerikanisch-deutschen Literaturaustausch – im Rahmen der von Würth gestifteten Poetik-Dozentur – mit einer Lesung in der Kunsthalle Würth.

Franzen, mit der Veröffentlichung seines Romans „The Corrections“ (2001) international gefeiert, liest nicht aus diesem Bestseller, sondern das fünfte Kapitel der autobiografisch gefärbten Publikation „The Discomfort Zone: A Personal History“ (2006). Wie Haslett trägt er ein blütenweißes Hemd ohne Krawatte. Bleibt die Offenheit des 39-Jährigen auf den Kragenknopf beschränkt, entspricht der 50-jährige Franzen dem suggerierten Image, lässt Selbstironie aufblitzen, setzt charmant Pointen.

„Das fünfte Kapitel ist sehr lang. Wenn es unerträglich wird wegen meines Deutschs, bitte sagen Sie es“ kokettiert er launig mit seinen Deutschkenntnissen und der Lust des Entertainers am Dialog: „Die ersten zehn Seiten lasse ich aus, die behandeln meine große Angst als Kind vor Sex und meine sehr große Angst vor der deutschen Sprache“.

Lacher im Minutentakt, lässt er Erfahrungen des Germanistikstudenten Revue passieren, zitiert Nietzsche, überschlägt Goethe, setzt Rilke gegen Kafka, ist mal im Studentenmilieu Münchens, mal am heimischen College und karikiert mit der spitzen Feder eines Karl Kraus-Liebhabers seinen amerikanischen Germanistikprofessor, dessen höchstes Lob „That’s crazy!“ lautet und dessen Taschenbücher „säurehaltiger Billigschrott und kostbarste Reliquie zugleich“ gewesen seien. [Ob säurehaltig nicht besser mit ätzend übersetzt worden wäre?]

Literarische Abstecher und raffinierte Auslassungen, persönlicher Aber- und Mutterwitz einer geistig lustvollen Achterbahnfahrt überzeugen das Publikum, das am Ende keine Fragen hat, aber den dringenden Wunsch nach mehr. Schlange stehen für einen Franzen samt Autogramm, während sich der Zuspruch für Haslett nach wenigen Minuten erledigt hat.

Seine Geschichte vom Aufstieg und Beinahe-Fall der Großbank – die Fiktion ist sehr viel gnädiger als die Realität der Lehman Brothers -, gepriesen als Roman zur Finanzkrise, entpuppt sich als Paradebeispiel für krudes Literatur-Marketing. Um nicht im Medienrummel der Buchmesse unterzugehen, wird es erst zwei Wochen danach veröffentlicht, und nun, quasi tandemstrategisch, dem Erfolgsautor Franzen untergejubelt.

Happy Aua!

Dezember 4, 2009

„Über Sinn und Unsinn von Anglizismen“ – Vortrag von Dieter Maurer in Heilbronn

Hits for kids oder Joghurt mit weekend feeling, small talk mit trendscouts und headhuntern, body shaping, hair styling und power walking, alles für’ne flat-rate, egal ob Anti-ageing Creme oder Sport Utility Vehicle, angepriesen von Celebreties, ist doch cool – wohin man schaut Anglizismen. So what? Könnte man sagen. Verlangt die Globalisierung nicht sprachliche Konsequenzen auf internationaler Ebene und da ist Englisch eben der kleinste gemeinsame Nenner?

Doch vielen ist diese Überschwemmung mit amerikanischen Lehnworten nicht mehr geheuer. Gründe den veränderten Sprachgebrauch neu zu überdenken – wie Dieter Maurer in seinem Vortrag „Highlights, Events & more. Über Sinn und Unsinn von Anglizismen“. Kritisch und gewitzt nimmt er das Phänomen unter die Lupe und findet beim Publikum in der Buchhandlung Dichtung&Wahrheit große Resonanz.

Maurer, ehemaliger Gymnasiallehrer ist aktives Mitglied des 1997 gegründeten Vereins Deutsche Sprache (VDS). Unter den 31.000 Mitgliedern (120 in der Region) findet sich Medienprominenz wie Bastian „Zwiebelfisch“ Sick und Hape „Ich bin dann mal weg“ Kerkeling. Mit Elan spaziert Maurer durch die Heilbronner Innenstadt, sieht sich sozusagen „face to face“ mit dem Problem konfrontiert und verzichtet auf den „Coffee to go“ zugunsten der Tasse Kaffee zu Hause.

Beileibe kein sprachpflegerischer Saubermann sensibilisiert der pensionierte Deutsch- und Französischlehrer für lexikalische, phonetische, semantische, morphologische und syntaktische Beeinflussungen. Er zieht historische Parallelen zu Schiller, der in „Kabale und Liebe“ das Imponiergehabe mittels mangelhafter Französischkenntnisse anprangert. So lächerlich und falsch wie „Billetter“ damals verwendet wurde findet man heute „happy hauer“ oder Happy Aua“. Peinlich wenn eine seriöse Institution mit „Church Night“, „Bible Point“ und „Pray Day“ wirbt.

Maurer entlarvt die Mär, dass Anglizismen für Jugendlichkeit und Modernität stünden. Vielmehr fördern sie einen sinnentleerten Sprachgebrauch, Sprachhülsen für Konsumanbeter, Plakatenglisch, das auf die Aura und Magie des Unverständlichen setzt, Worte ohne etymologische Kohärenz. Schärfer bezieht Urs Widmer Position: „Die mit Anglizismen durchsetzte Sprache der Wirtschaft ist eine Siegersprache mit präfaschistischen Zügen. Sie hat militärischen Klang, kommt aber im Maßanzug daher.“

Eine glückliche Stunde, nicht etwa weil Alkoholisches zum halben Preis ausgeschenkt worden wäre, sondern weil ein erfrischendes Plädoyer für die deutsche Sprache (und gegen den Angloholismus) gehalten wurde. Wie sich in der anschließenden Debatte herauskristallisierte, schließt Sprachkritik immer auch Kultur- und Gesellschaftskritik ein.