Olesya Rostovskaya gastiert beim 16. Eppinger Carillonsommer

Zar Peter hat nicht nur das Zimmermannshandwerk aus den Niederlanden des 17. Jahrhunderts nach Russland gebracht, der große Modernisierer begeisterte sich auch für das Turmglockenspiel, das in jener Zeit in Flandern eine Blüte erlebt. Im dritten und damit letzten Konzert des diesjährigen 16. Eppinger Carillonsommers lässt Olesya Rostovskaya die russisch-flämische Freundschaft anklingen.

Die Musikerin aus St. Petersburg stimmt ein mit Händels lebhafter Hommage an das Instrument „Carillon“ und streut Bachs C-Dur „Präludium“ als Reminiszenz an die deutsche Kompositionskunst dazwischen. Das Publikum vor der katholischen Stadtpfarrkirche ist vom Facettenreichtum der 18 Stücke wie von der Virtuosität der Darbietung begeistert. „Der Carilloneurin ein Kompliment für die sensible wie kraftvolle Interpretation von Werken aus vier Jahrhunderten“ lobt Susanne Blach. Die Zuhörerin aus Bad Wimpfen ist selbst Chorsängerin und beeindruckt „wie fein und geschmeidig ein Instrument sich anhört, das mit Fäusten und Füßen gespielt wird“.

Besonders interessant und völlig neu sind die Werke der russischen Komponisten. Eine „Fantasie über ein Thema des Byzantinischen Ritus“ von Gaston Feremans leitet über zum zweiten Teil, der den Komponisten Zinovjev („Abendglocken“), Bortnjansky („Ich bete an die Macht der Liebe“) und dem, von der Rostovskaya besonders geschätzten Zeitgenossen Aleksey Podobed („Blossoming“) gewidmet ist. Krönender Abschluss sind eigene Kompositionen der Interpretin. Zart und entrückt ihre „Three humble Prayers“, filigran der „Sunday morning“, zwei Stücke, die das überwältigend dynamische „Temptation“ rahmen, das beim Publikum tosenden Beifall auslöst.

Ursprünglich sind Klavier, Orgel und die Ätherwellengeige die Instrumente der Komponistin, die in ihrer Heimat mehrfach für ihre Werke, darunter eine Matthäus-Passion, ausgezeichnet wurde. Da in der orthodoxen Liturgie die Glocken eine wichtige Rolle spielen, hat sie sich als Mitglied der russisch-orthodoxen Kirche schon früh als Glöcknerin betätigt. „Diese Glocken, es können sechs bis 20 sein, sind in keiner speziellen Tonart gestimmt. Es kommt vielmehr auf die Schönheit des Klanges jeder einzelnen an“, erläutert sie nach dem Konzert. Ob Kirchenmusik wie das „Ave Maria“ von Jef Denyn, dem Gründer der weltweit ersten Carillonschule im belgischen Mechelen (1922), und dem bekannten „Gloria“ eines Anonymus, bei dem viele Zuhörer mitsummen oder ein flämisches Volkslied mit dem Dreikönigsmotiv, das die Rostovskaya als Prolog vor Fioccos „Allegro“ setzt, die Musikerin mit absolutem Gehör gibt der Klangqualität jedes einzelnen Tons Raum, sich voll zu entfalten.

Von der russischen Romantik und dem flirrenden Wohlklang des Eppinger Carillon inspiriert, erklimmen selbst bejahrte Herrschaften über die steile Wendeltreppe die kleine Spielkammer, zollen der 33-jährigen Carilloneurin Anerkennung. Furios bearbeitet die Rostovskaya noch einmal die Hebelklaviatur. Das Publikum ist tief berührt und überhäuft die temperamentvolle Musikerin mit Fragen, die sie in gebrochenem Englisch und mit viel Geduld beantwortet.

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