Die Chinesen haben den Bogen raus
Februar 9, 2009
Begeisterung für Weltklasse-Artisten in der Harmonie

Stellen Sie sich vor, Sie werfen Ihren Hut in hohem Bogen in die Luft. Während der durch die Gegend fliegt, machen Sie aus dem Stand einen Flick-Flack, schieben einen Salto hinterher und stehen genau im richtigen Moment am richtigen Ort, um den Hut aufzufangen. Die Hut-Jonglage ist eine der vielen, faszinierenden Nummern des Chinesischen Nationalcircus’.
Vor 20 Jahren hatte André Heller die „Begnadeten Körper“ erstmals in Europa bekannt gemacht. Dass sie von ihrer Attraktivität nichts verloren haben, zeigt die Begeisterung, mit der die Weltklassekünstler von den rund 700 Besuchern in der Harmonie bejubelt werden. Nach Dschingis Khan, Marco Polo und Buddha ist die neue Show mit dem Untertitel „Konfuzius – Akrobatische Weisheiten aus dem Reich der Mitte“ dem chinesischen Philosophen gewidmet.
Als Ideal gilt ein moralisch einwandfreier Mensch, der sich in Harmonie mit dem Weltganzen befindet. Bildung ist für Konfuzius der Schlüssel. Windgeräusche, das Kratzen einer Feder über Papier, ein paar gezupften Saiten skizzieren akustisch die Kälte, Härte und Einsamkeit, in der der Schüler Konfuzius zu Kopf- und Körperbildung gelangt: Kalligrafie großzügig in die Luft gezeichnet, Tai-Chi, das sich bis zu Kampfsportakrobatik und atemberaubender Kontorsion steigert.
Elegant und riskant, pfiffig und überschwänglich, das Kaleidoskop unterhaltsamer Darbietungen lebt von immer neuen, mitreißenden Ideen. Ob sie folkloristisch gefärbt sind, wie das Spiel mit Diabolo oder der Löwentanz – hier zu acht mit einem tollenden Rudel Löwenkinder und einem Balanceakt auf der Riesenkugel – oder ob sie abstrakt daherkommen, wie die luftig flirrende Tellerrevue, die Artistik mit Lasso oder Rhönrad und das feurige Finale aus dynamischen Sprungserien mit roten Fächern und Schals, der Gedanke von Harmonie, Gleichmut und Gleichgewicht verdichtet sich in der Perfektion, Synchronizität und Körperbeherrschung aller Auftritte.
Bis hin zu Liszts Liebestraum, über Tonträger eingespielt vom Tastenzauberer Lang Lang, als hingebungsvoll getanztes Duett, bei dem selbst trickreiche Hebungen und Stürze wie pures Kinderspiel aussehen. Die eingesprochenen Zitate, in denen sich ein mittelmäßiger Schauspieler (etwa der Produzent und Clown Raoul Schoregge selbst?) per Projektion als Konfuzius ausgibt, bleiben weit unter dem Niveau der Weltklasseartisten; sind verzichtbarer Fremdkörper statt inhaltliche Brücke.
P.S.: Konfuzius heißt „Lehrmeister Kong“. Er lebte und wirkte vermutlich von 551 v. Chr. bis 479 v. Chr. in der heutigen Provinz Shandong. Zentrales Thema seiner Lehre war die soziale Ordnung, die durch Achtung vor anderen Menschen und Ahnenverehrung erreichbar sei. „Behandle jeden so, wie du selbst behandelt werden möchtest“, eines seiner vielen Zitate klingt wie die Vorwegnahme des kategorischen Imperativs 2300 Jahre bevor Immanuel Kant ihn 1785 so formuliert hat: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Info: Am Dienstag, den 10.Februar ist der Chinesische Nationalcircus im Theaterhaus Stuttgart zu Gast.







